Vielleicht kennst du diesen Satz: „Ich muss noch etwas an mir verändern.“
Du besuchst noch ein Seminar. Du findest eine tolle Ausbildung und machst sie. Vielleicht noch ein Buch, mehr Sport. Irgendwann willst du noch zehn Kilo abnehmen. Alles für deine Persönlichkeit. Im Herzen willst du gelassener, stärker, bewusster und erfolgreicher werden.
Irgendwo in dir wartet diese Hoffnung:
Wenn ich das alles geschafft habe, dann fühle ich mich endlich gut mit mir.
Vielleicht kommt danach sogar schon der nächste Gedanke: Da geht noch mehr.
Also beginnt das Spiel von vorne: noch ein Seminar, noch eine Ausbildung, noch ein Schritt und noch eine Veränderung.
Noch etwas, das du an dir verbessern könntest. Vielleicht merkst du irgendwann:
Du bist ständig mit dir beschäftigt und kommst trotzdem nicht wirklich-wirklich bei dir an.
Genau darüber möchte ich heute sprechen - denn ich kenne diesen Weg. Sehr gut sogar. Ich habe einen großen Teil meines Lebens geglaubt, dass Leistung etwas mit meinem Wert zu tun hat.
Ich bin als jüngstes Kind mit drei Brüdern aufgewachsen. Unser Vater starb früh und unsere Mutter zog uns alleine groß. Das waren die 1970er-Jahre. Eine andere Zeit.
Wir haben gelernt, dass man etwas leistet. Dass man durchhält. Dass man etwas schafft. Und irgendwo in mir hat sich daraus etwas festgesetzt:
Leistung bedeutet Liebe.
Ich persönlich wurde darin noch ehrgeiziger. Ich wollte erfolgreich sein und etwas erreichen. Die Welt sollte wissen was ich kann.
Ich war eine der jüngsten weiblichen Hotelmanagerinnen unserer Flotte auf Rhein, Main und Donau. Zwölf, dreizehn, manchmal achtzehn Stunden Arbeit am Tag waren für mich vollkommen normal. Einmal habe ich sogar zwanzig Stunden am Stück gearbeitet. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich auf mich selbst stolz war?
Ich weiß noch genau, was ich damals gedacht habe:
„So. Jetzt hast du Mama mit den Stunden überholt.“
Damals war das für mich ein Erfolg. Heute sehe ich etwas anderes darin. Ich sehe eine junge Frau, die versucht hat, ihren Wert über Leistung zu spüren. Eine Frau, die immer noch etwas mehr wollte.
Noch erfolgreicher, noch stärker, noch leistungsfähiger. Heute sehe ich auch etwas anderes:
Ich war damals schon sehr weit von mir selbst entfernt.
Ich dachte, mein Selbstwert sei felsenfest
Lange war ich davon überzeugt, dass mein Selbstwert felsenfest im Boden verankert ist.
Ich war erfolgreich. Ich konnte Verantwortung übernehmen und konnte führen. Ich konnte Entscheidungen treffen, durchhalten und funktionieren. Trotzdem lag unter all diesen Schichten etwas, das ich lange kaum gesehen habe.
Mein verletzliches Ich.
Unter all den vielen Filtern, den Rollen, den Masken und dort lag auch meine Würde.
Mein Wendepunkt kam nach meiner Scheidung. Da wurde mir klar:
So kann es für mich nicht weitergehen.
Ich begann, genauer hinzuschauen. Je tiefer ich ging, desto mehr erkannte ich, wie viel von meinem Leben auf Leistung aufgebaut war.
Ich hatte so viel getan viel erreicht und viel getragen.
Und trotzdem war da diese Sehnsucht. Nach mir, nach meinem eigenen Leben und vor allem nach einem inneren Zuhause.
Vielleicht sieht dein Leben ganz anders aus
Vielleicht arbeitest du keine achtzehn Stunden am Tag und bist keine Managerin. Vielleicht ist dein Alltag geprägt von Familie, Beruf, Haushalt, Freundschaften und all den kleinen Dingen, die erledigt werden wollen.
Und trotzdem kennst du dieses innere „Noch“.
Noch ein Seminar, noch eine Ausbildung, noch mehr Sport und noch etwas an dir verändern. Die Liste geht ins Unendliche. Und irgendwann sitzt du da und fragst dich:
Wann bin ich eigentlich gut genug?
Genau hier wird es für mich interessant. Entwicklung ist etwas Schönes.
Weißt du, ich liebe Entwicklung, etwas Neues zu lernen, mich zu bewegen oder mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.
Die Frage ist für mich eine andere: Aus welchem Ort heraus tue ich es?
Tue ich es, weil mich etwas wirklich ruft?
Weil ich Freude daran habe?
Weil mein Körper Bewegung möchte?
Weil mich ein Thema interessiert?
Oder tue ich es, weil ich tief in mir glaube:
„So wie ich bin, reicht es noch nicht.“
Das sind zwei völlig verschiedene Orte.
Selbstoptimierung kann eine elegante Form der Selbstablehnung sein
Dieser Satz ist unbequem. Selbstoptimierung sieht von außen oft sehr gut aus. Du kümmerst dich um dich, liest Bücher, machst Sport, besuchst Seminare, bildest dich weiter und arbeitest an dir. Trotz allem steckt darunter:
„Ich bin noch nicht richtig.“
Dann wird aus Entwicklung ein Kampf gegen dich selbst. Und diesen Kampf kenne ich. Ich habe sehr lange geglaubt, dass irgendwann ein Punkt kommt, an dem ich genug geleistet habe.
Dann würde ich mich wertvoll fühlen und ankommen. Dieser Punkt kam nicht.
Stattdessen kam irgendwann die Erkenntnis:
Mein Wert kann gar nicht von meiner Leistung abhängen.
Denn was wäre dann? Dann müsste ich jeden Tag neu beweisen, dass ich wertvoll bin. Das wäre ein endloser Kreislauf.
Was Selbstwert für mich heute bedeutet
Selbstwert bedeutet für mich heute:
Den eigenen Wert kennen und ihn leben.
Ja, das klingt erst einmal fast wie ein Kalenderspruch und dennoch geht es viel tiefer. Es bedeutet, deine Werte zu kennen.
Zu wissen, was dir wirklich-wirklich wichtig ist. Dich selbst kennenzulernen. Auch die Seiten, die du früher lieber versteckt hättest. Deine Stärke, deine Verletzlichkeit, deine Freude, deine Traurigkeit, deine Wut, deine Lebendigkeit und das gesamte emotionale Spektrum.
Wenn du traurig bist, sei ich traurig. Willst du lachen, dann lache. Wenn du dich bewegen möchtest, dann bewege dich. Brauchst du Ruhe? Gönne sie dir. Du musst daraus keine neue Persönlichkeit machen. Du musst dich auch nicht jedes Mal korrigieren. Du darfst Mensch sein. Genau dort wird Selbstannahme für mich lebendig.
Du darfst dich entwickeln und mich gleichzeitig annehmen
Selbstannahme bedeutet für mich nicht Stillstand. Mach Sport, verändere deinen Körper oder mach noch die eine Ausbildung machen. Ja, entwickle dich weiter und werde erfolgreicher und wachse. Verändere deinen Ausgangspunkt.
Tue es aus einem anderen inneren Ort. Wachse und entfalte dich. Mach all die schönen Erfahrungen, die auf dich warten. Werde Gestallter deines eigenen Leben. Dein Wert steht dabei längst fest.
Du musst muss ihn durch deine nächste Leistung nicht erhöhen und durch einen Fehler verlierst du ihn auch nicht.
Deine Würde ist das Fundament
Für mich liegt unter dem Selbstwert etwas noch Tieferes:
die Würde.
Würde ist für mich das Fundament des Selbstwerts. Sie hängt nicht davon ab, wie erfolgreich du bist, wie dich andere sehen oder davon, ob du einen guten oder einen schwierigen Tag hast.
Würde bedeutet für mich:
Verlasse dich selbst nicht.
Auch dann, wenn du in ein altes Muster zurückfällst, wenn du etwas falsch gemacht hast oder wenn du mal traurig bist.
Komme zu dir zurück. Immer wieder und wieder. Dann kommt der Tag, wo das für dich an wie das Auge eines Orkans anfühlt. Außen tobt es und du bleibst ruhig. Im Leben kann sehr viel passieren und gerade deswegen kannst du in dir stehen. Das ist etwas ganz anderes als die Härte, mit der du vielleicht früher durch dein Leben gegangen bist.
Wenn du denkst: Ich muss stark sein. Ändere diesen Gedanken in: Ich darf verwurzelt sein.
Das ist für ein großer Unterschied.
Und dann beginnt das Strahlen
Ich glaube, dass wir Frauen sehr viel Energie darauf verwenden, uns zu verbessern. Wir vergleichen uns, schauen was andere haben, können oder aussehen. Wir fragen uns, welche Ausbildung jemand gemacht hat und wie erfolgreich jemand ist. Irgendwann - nicht heute oder morgen, entsteht dieser innere Druck:
„Ich muss auch noch …“
Ich kenne diesen Druck und dieses Rennen. Ja, ich kenne den Moment, an dem ich selbst verstanden habe: Ich möchte nicht mehr gegen mich selbst leben.
Ich möchte mit mir leben. Das ist für mich Selbstwert. Wenn dieser Wert wirklich in dir verankert ist, verändert sich etwas. Du erklärst dich weniger und fängst an, dich weniger zu erklären. Im Herzen wird dir bewusst, dass du dich weniger beweisen musst. Du wirst klarer, ruhiger und lebendiger. Irgendwann beginnt etwas zu strahlen. Nicht, weil du dich perfekt gemacht hast, sondern weil du dich selbst wiedergefunden hast.
Eine Übung, die zu dir zurückführt
Ich möchte dir keine klassische Selbstwertübung geben. Ich möchte dich an etwas erinnern. Nimm dir heute einen ruhigen Moment und setze dich hin. Atme. Denke an all die Frauen, die du in deinem Leben gewesen bist.
Die ehrgeizige Frau. Die starke Frau. Die Frau, die funktioniert hat. Die Frau, die gefallen wollte.
Die Frau, die alles geschafft hat. Die Frau, die müde war. Die Frau, die vielleicht irgendwann völlig an ihrer Kraft angekommen ist. Schau sie an. Dann geh in deiner Vorstellung einen Schritt zurück. Hinter all die Rollen der Leistung, der Erwartungen und den Masken. Begegne der Frau, die darunter immer da war. Dann frage sie nicht:
„Was muss ich an dir noch verändern?“
Frage sie:
„Was brauchst du von mir, damit du dich heute sicher fühlst?“
Vielleicht kommt sofort eine Antwort. Vielleicht kommt nur ein Gefühl oder eine Erinnerung.
Vielleicht Tränen oder ein Lächeln. Lass es da sein. Dann lege deine Hand auf dein Herz und frage: „Welche Entscheidung ehrt heute meine Würde?“
Und dann geh deinen Tag. Vielleicht ist es eine ganz kleine Entscheidung. Ein Nein. Ein Ja. Eine Pause. Ein Gespräch. Eine Grenze. Eine Stunde nur für dich. Achte darauf.
Vielleicht musst du gar nicht mehr werden
Vielleicht ist das die Erinnerung, die ich dir heute mitgeben möchte: Du darfst dich entwickeln. Du darfst wachsen. Du darfst Neues lernen. Du darfst dich verändern. Doch du musst aus dir keine bessere Version machen, damit du deinen Wert spürst. Du darfst aufhören, deinen Wert zu beweisen. Und anfangen, ihn zu leben. In deinen Entscheidungen, deinen Beziehungen, deinen Grenzen, deiner Freude, deiner Traurigkeit, deinem Alltag und in deinem ganzen Menschsein. Denn deine Würde ist längst da.
Botinnenwort
Du musst deinen Wert nicht herstellen. Du darfst beginnen, ihn zu leben.
Zum Nachspüren
Welche Leistung möchtest du heute von deinem Wert trennen? Welche Entscheidung ehrt deine Würde? Vielleicht ist genau das dein nächster Schritt. Nicht noch mehr an dir zu arbeiten, sondern dich selbst ein Stück tiefer kennenzulernen. Ich erinnere Frauen an das, was sie längst in sich tragen.
Und vielleicht beginnt genau dort dein Strahlen.
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